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Was bislang geschah

Walter, sein Freund Rudi und dessen Tochter Renate haben die Wohnung entdeckt, in der Oskar Geschäftsfreunde und junge Mädchen zusammenbrachte. Walter findet einen Brief von seinem Freund Disney, in dem ihm dieser berichtet, dass Walters Tochter Laura auf der Suche nach ihrem Vater nach Wien gekommen ist - und so selbst Kontakt zu dem Mädchenclub rund um Disney und Oskar geknüpft hat. Und der Schläger der Solidar-Invest schwört, dass Disney schon tot war, als sie ihn in der Wohnung gefunden haben. Sie haben ihn nur noch in den Park gebracht.

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Kapitel 8

Väter und Töchter

Walter, Renate und Rudi sitzen in ihrem „Ermittlungszimmer“, dem Wintergarten von Rudis Siedlungshaus am Rosenhügel. Es ist zehn Uhr Vormittags, sie trinken Kaffee und grübeln. Der Vortag lieferte eine Menge Erkenntnisse – aber auch einige neue Fragen. Rudi bringt das Dilemma auf den Punkt: „Wenn der Kerl gestern die Wahrheit gesagt hat und Disney schon tot war, als sie ihn gefunden haben – dann könnte es jeder andere gewesen sein, der Zugang zur Wohnung hatte!“ – „Oder jede andere!“, ergänzt Renate. Walter wirft den beiden einen düsteren Blick zu. „Tschuldige“, murmelt Rudi. Und Renate sagt leise: „Die Laura hat sicher nix damit zu tun.“

Vor ihnen auf dem Tisch liegt die Zeichnung von Disney, die angeblich neben seiner Leiche gefunden wurde. Das Porträt von Marie, zerknüllt und wieder geglättet. Rudi starrt ihr Bild lange an, dann flüstert er: „Marie, hilf!“ Renate grinst. Auch Walter sieht sich die Zeichnung genau an. „Sie ist anders gezeichnet als die anderen, oder?“, sagt er und deutet auf ihre Augen. „Das ist kein Comic-Stil, das ist ein realistisches Porträt.“ Rudi und Renate sehen sich das Bild unter diesem Gesichtspunkt an und nicken. „Stimmt“, sagt Renate, „sie sieht aus wie ein normales Mädchen.“ – „Verletzlich“, fügt Rudi hinzu. „Denkst du ...“, beginnt Renate, „er war verliebt in sie?“, setzt Rudi fort. Sie sehen Walter an, als wäre er dabei gewesen. Er zuckt die Schultern und nimmt einen Schluck Kaffee. „Du musst mit ihr reden, Walter!“, sagt Renate und legt Walter eine Hand auf den Arm. „Wir wissen ja nicht, wer sie ist!“, gibt Walter leicht irritiert zurück. – „Nicht mit Marie. Mit Laura. Sprich mit deinem Mädel!“ Etwas in Walter verkrampft sich und er sieht Renate fast feindselig an. Auch Rudi beugt sich zu Walter vor und legt ihm die Hand auf die Schulter. „Verzeih dir selbst, Walter. Dann wird sie’s auch tun.“

Walters Haare sind frisch gewaschen und geschnitten. Er ist sauber rasiert. Er trägt einen Anzug von Rudis Sohn und riecht nach Rasierwasser. Er sieht aus wie ein Sträfling, der seine hochschwangere Freundin in der Gefängniskapelle heiraten soll. Dabei will er nur mit seiner Tochter auf eine Pizza gehen. Noch nie in seinem Leben war er so nervös. Es zieht ihn mit überirdischer Anziehungskraft zu Rudis Schnapsschrank hin (den dieser aber – seinen Gast nur zu gut kennend – versperrt hat). Nur ein Bier, nur ein Whisky, und alles wäre so viel leichter. Renate verbrachte den ganzen Tag am Eislaufplatz, hielt nach Laura Ausschau und zeigte ein Foto von ihr her. Schließlich traf sie eine Freundin von ihr, die ihr eine Handynummer gab. Renate sprach mit Laura am Telefon und verabredete ein Treffen in einer Pizzeria in der Josefstadt.

Rudi und Renate setzen Walter mit dem Auto vor dem Restaurant ab und warten, bis er hineingegangen ist. „Gibt es einen Hintereingang?“, fragt Renate ihren Vater. „Da kommt er nicht raus“, stellt Rudi fest, „ich kenne den Laden!“ – „Er kriegt das hin, oder?“, fragt Renate. Rudi umarmt seine Tochter und sagt: „Die packen das.“

Sie sitzt in der hintersten Ecke, blass, genauso nervös wie Walter, eine Cola vor sich. Sie raucht. Sie bleibt sitzen, als sie ihn sieht. Natürlich, hatte er etwa erwartet, sie würde ihm entgegenlaufen? Er setzt sich ihr gegenüber hin, sagt „Hallo“, fühlt sich wie betäubt. Sie sagt auch „Hallo“. Sie ist erwachsen geworden, sieht Walter jetzt. Er begreift auf einmal, wie lange er weg war und dass es nicht nur ein böser Traum gewesen ist. All diese Zeit auf der Straße kam ihm unwirklich vor, wie eine verwunschene Schifffahrt in einer Sage oder einem Märchen, aber in Lauras Gesicht sieht er die in Wahrheit vergangene Zeit und er versteht jetzt auch, dass sie unwiederbringlich verloren ist. Aber immerhin – jetzt sitzen sie wieder an einem Tisch.

„Wo wohnst du?“, fragt er sie.

„Bei einer Freundin. Es ist ok.“

„Wissen sie denn daheim, dass du hier bist?“

„Ja. Es ist nicht so wie bei dir ...“

Darauf kann er nichts sagen.

„Ich habe dich gesucht, das weißt du, oder?“, fragt Laura ihren Vater. Er nickt. Sie fährt fort: „Disney wollte mir nichts von dir erzählen, aber ich hab dich irgendwann in der Früh gesehen, wie du aus der Gruft gekommen bist. Ich hab mich nicht getraut, dich anzusprechen. Ich hab dich eigentlich immer wieder gesehen.“

Walter denkt an all die Male, als er betrunken durch die Gassen gestrauchelt oder an Hauswänden eingenickt ist, oder als er sich ein paar Euro vor Supermärkten geschnorrt hat. Sie kann sich keine Illusionen mehr über ihn machen. Er sagt: „Ich weiß, dass du dich schämen musst. Vielleicht hasst du mich auch. Und es ist mir ehrlich gesagt lieber, es ist so, als du fühlst gar nichts mehr für mich." Laura sagt lange nichts, dann: „Ich weiß nicht genau, was ich fühle. Aber ich musste dich heute treffen. Wegen Disney. Ich glaube, ich weiß, warum er gestorben ist.“

Als ihre Pizzen kommen, erzählt ihm Laura von Marie.

Später sitzen Walter, Renate und Rudi wieder im Wintergarten. Walter ist aufgekratzt und euphorisch. Er wird Laura wieder sehen und er fühlt: Es ist nicht alles verloren. Aber zuerst muss der Fall abgeschlossen und Disneys Mörder geschnappt werden. Walter fasst für Rudi und Renate zusammen, was ihm Laura erzählt hat: „Marie war in Disney verliebt. Er mochte sie, aber er fand, sie war noch zu jung. Er hat sie zurück gestoßen. Marie dachte, dass er Laura lieber mochte.“

Renate springt auf: „Also hat Marie Disney in der Wohnung erschlagen! Vielleicht waren Drogen im Spiel. Zusammen mit der Eifersucht – ihr sind die Leitungen durchgebrannt!“

Rudi meldet sich zu Wort: „Oder es war doch Oskar. Er kam in die Wohnung, als Disney mit Marie dort war. Sie versteckte sich und sah mit an, wie Oskar Disney erschlug, der ihn ja erpresste. Deswegen ist sie seitdem untergetaucht!“

Walter wiegt skeptisch sein Haupt. „Aber wie passt das mit dem Brief von Marie zusammen, den sie Oskar geschickt hat? Darin schreibt sie, ihre Eltern haben die SMS-Nachrichten von Oskar & Co gelesen, deswegen kann sie ihn nicht mehr sehen. Vielleicht wollten die Eltern wissen, wen ihre Tochter da eigentlich getroffen hat! Und trafen auf Disney!“

„Auch denkbar“, gibt Rudi zu. „Aber wie finden wir heraus, was wirklich passiert ist?“

Renate hat eine Idee: „Lassen wir doch Laura einen Anruf bei Oskar machen! Er hat keinen Grund, ihr zu misstrauen. Vielleicht verrät er ihr etwas, falls er mehr weiß!“

Am nächsten Abend sitzen sie mit Laura im Wintergarten. Renate hat auf Lauras Handy eine App installiert, mit der sie das Gespräch aufzeichnen können. Laura wählt Oskars Nummer.

Laura: „Hi!“

Oskar: „Hallo, Laura! Was gibt’s?“

Laura: „Ich hab das von Disney erfahren! Weißt du, was passiert ist?“

Oskar: „Ich habe keine Ahnung, Schätzchen, er muss sich mit irgendwelchen brutalen Typen angelegt haben, ziemlich schrecklich.“

Laura: „Aber er war doch ein total lieber, harmloser Kerl!“

Oskar: „Ja, super tragisch irgendwie, gell!“

Laura: „Hast du was von Marie gehört in letzter Zeit?“

Oskar: „Nichts, komplett aus der Welt. Übrigens: Falls du sie oder die anderen Girls mal wieder siehst, sag ihnen, dass wir das NEST auflösen. Ich habe heute schon angefangen, die Bude zu räumen. Du verstehst, wegen Disney und so.“

Laura: „Ok, sag ich ihnen.“

Oskar: „Bleib mal dran, es hat an der Tür geläutet!“

Eine Zeit lang hört Laura nichts, dann scheint sich Oskar wieder dem Handy zu nähern.

Oskar (aus dem Hintergrund, im Gespräch): „Ich schwör’s Ihnen, ich kenn keine Marie!“

Ein Mann: „Marie kennt Sie aber.“

Oskar: „Das ist ein Missverständnis!“

Mann: „Das mit dem Jungen, das war ein Missverständnis. Aber Sie sind schon der Richtige. Oh, Sie haben einen Balkon!“

Oskar: „Ja, und?“

Laura legt die Hand vor das Mikro des Handys und flüstert zu den dreien: „Da ist jemand in Oskars Wohnung. Schickt die Polizei hin, schnell!“ Renate schnappt sich ihr Handy und geht zum Telefonieren in einen anderen Raum. Laura hört wieder zu, was in Oskars Wohnung passiert. Sie hält das Handy so, dass Walter auch mithören kann.

Mann: „Gemma mal an die frische Luft!“

Oskar: „Ich bitte Sie, lassen Sie das!“

Mann: „Wie Sie wissen, hatte ich meiner Tochter dem Umgang mit Ihnen verboten!“

Oskar: „Ja, und ich hab das akzeptiert.“

Mann: „Also doch!“

Oskar: „Ja, ich hab die Marie gekannt, es ist ja wahr. Aber sie hatte doch auch eine schöne Zeit mit mir!“

Mann: „Sie haben Marie noch einmal getroffen, nachdem wir ihr verboten hatten, Sie wieder zu sehen. Aber bei diesem Treffen waren mehrere Herren anwesend. Geben Sie es zu!“

Oskar: „Wenn ich das zugebe, dann weiß ich doch, was passiert ... Es war auch nicht so! Wir feierten nur ein Geschäft. Wir hatten nichts Böses im Sinn!“

Mann: „Öffnen Sie die Balkontür.“

Oskar: „Sie haben den Disney erschlagen!“

Mann: „Er hatte auch Schuld daran! Er hat die Mädchen dort hingelockt. Er war kein Engel. Gehen Sie raus!“

Oskar: „Sie bringen den Burschen um, den ihre Tochter geliebt hat. Obwohl er nix mit diesem Abend zu tun hatte. Vielleicht irren Sie sich bei mir ja auch so fatal?!“

Laura und Walter hören eine Polizeisirene im Hintergrund des Telefonats.

Oskar: „Sehen Sie, die Polizei kommt!“

Mann: „Woher wissen die ...? Wo ist Ihr Handy?“

Oskar: „Ich hab kein Handy!“

Mann: „Und das da? Was ist das? Hallo? (direkt ins Handy)“

Walter: „Hier spricht Walter!“

Mann: „Wer sind Sie? Haben Sie die Polizei gerufen?“

Walter: „Ich bin der Vater von der Laura. Sie ist eine Freundin von ihrer Marie.“

Mann: „Was rufen Sie dann die Polizei?! Sie sollten mich nur machen lassen! Ich bring das jetzt zu Ende!“

Walter: „Glauben Sie mir, Sie hätten meine Sympathien, wenn Sie Oskar erledigen würden. Aber leider haben Sie auch meinen Freund Disney umgebracht. Und der war unschuldig. So gesehen, wäre es mir am liebsten, Sie würden gemeinsam mit Oskar von dem Balkon springen. Aber weil Sie eine Tochter haben, der schon genug Schlimmes passiert ist, ist es wohl doch besser, Sie bleiben am Leben und sind wenigstens aus dem Gefängnis heraus für ihr Kind da!“

Mann: „Und du? Was hast du gemacht, während deine Tochter mit diesen Schweinen angebandelt hat? Wo warst du da?“

Walter hört die Rufe der Polizei aus dem Stiegenhaus. Lautes Klopfen gegen die Tür. Dann das Geräusch zerspringenden Glases. Ein Schuss fällt. Anhaltende Schreie aus zwei Kehlen. Dann bricht die Verbindung ab.

*

Eine Woche später sitzt Walter auf einer Bank im Esterhazypark und liest einen Artikel in einer Gratiszeitung:

"Wie inzwischen bekannt wurde, handelte es sich bei den zwei Männern, die letzte Woche bei einem Sturz vom Balkon eines Wohnhauses im ersten Bezirk ums Leben kamen, um Oskar F., ein Beamter in der Finanzabteilung der Stadt Wien, und den Restaurantbesitzer Josef H. Inzwischen konnte H. auch als Mörder des Obdachlosen Christoph Z., alias „Disney“, ermittelt werden, dessen Leiche Wochen davor im Esterhazypark gefunden worden war. Die Hintergründe bleiben weiterhin unklar. Spuren führen ins Wiener Obdachlosenmilieu, in die Baubranche, die Kunstszene und in Richtung eines Prostitutionsrings. Die Ermittler sprechen von einem „verwickelten Fall“ und hoffen auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung."

Walters neues Handy läutet. Es ist Laura.

„Hey, wollen wir ins Europa auf einen Kaffee gehen?“

„Klingt gut, bin gleich dort!“

Walter steckt das Handy ein, wirft die Zeitung in den Mist und geht zu der Stelle, wo sie Disney gefunden haben. Er denkt daran, was wohl passiert ist in dieser Nacht, nachdem die Männer ihren Spaß mit Marie hatten. Kam Disney zufällig vorbei und hatte das Pech, als einziger in der Wohnung zu sein, als Maries Vater auftauchte? Oder rief ihn Marie an und er kam selbst, um Oskar und die anderen zur Rede zu stellen. Oder – Walter kann es sich nicht vorstellen – er war Teil der Gruppe, die sich mit Marie vergnügte. Nein, so war es nicht.

Walter legt seinen alten Seesack mit Disneys Zeichnung von dem Affen mit Bischofshut auf die Stelle, wo er gefunden wurde. Walter braucht ihn nicht mehr, vielleicht hat Disney mehr Verwendung dafür. Auf jeden Fall aber irgendein armer Kerl, der sich nachts hier rumtreibt und sich über eine warme Decke freut.

Walter spaziert die Barnabitengasse hoch zur Mariahilfer Straße. Es geht bergauf.

THE END

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Kapitel 8

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