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Was bislang geschah

Walter hat einen Mordanschlag der Gang überlebt, die eine Großbaustelle der Solidar Invest vor Eindringlingen bewacht. Es wird Zeit für ihn unterzutauchen und Verbündete zu finden. Er wendet sich an seinen alten Schulfreund Rudi und dessen Tochter Renate, die als Kaufhausdetektivin arbeitet. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Eisläuferin und dem Schläger, den Walter am Fuß verletzt hat.

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Kapitel 6

Mädchengeheimnisse

Walter erkennt sich selbst nicht wieder: Er trägt einen schwarzen Parker, neue Blue Jeans, gefütterte Boots, eine türkise Haube mit Skater-Logo und schwarze Sonnenbrillen. Schuhe und Jeans kaufte Rudi für seinen Freund, der Rest stammt aus dem Kleiderschrank seines Sohnes, der als Koch auf einem Kreuzfahrtschiff durch die Karibik gondelt. „Du siehst cool aus“, attestierte ihm Renate, und Walter dachte: „Fuck, yeah!“ Jetzt stehen die beiden am Rathausplatz in der Sonne und beobachten die Läufer am Eis. Er konzentriert sich auf die Mädchen im Alter von dreizehn bis sechzehn. Vielleicht ist er nicht der einzige heute und hier, der das tut, aber seine Motive sind immerhin ehrenhaft.

Walter schwitzt unter seiner Haube, aber er behält sie auf, sie ist Teil seiner Maskerade an diesem Nachmittag. Er versucht sich zu konzentrieren, studiert die Gesichter der Mädchen genau. Jedoch ist Walter in den drei Jahren auf der Straße kurzsichtig geworden. In seinem alten Job in der Sicherheitsfirma hätten sie ihm längste eine Brille verpasst, auf der Straße interessiert sich keiner für seine Sehkraft. Er muss also warten, bis sie nahe an ihm vorbeifahren, dann erkennt er sie. Aus der Unschärfe flitzen sie in seinen Fokus, junge lachende Gesichter mit roten Wangen. Nach fünfzig Minuten, die ihm vorkommen wie fünf Stunden, taucht es auf: ein Gesicht, das er kennt. Aber er kennt es nicht aus der Ferne – er kennt es wie sein eigenes. Dieses strahlende Gesicht ist das seiner Tochter Laura. Verändert durch dreieinhalb Jahre, in denen er es nicht gesehen hat, aber so unverkennbar ihres, dass seine Knie zu Pudding werden und er zu atmen vergisst. Ein Riss hat sich aufgetan, aus dem sein altes Leben in sein neues dringt.

Als wäre Lauras Erscheinen nicht genug Überraschung für einen Tag, taucht als nächstes der Kopf des Mädchens auf, das mit dem Finanzbeamten Oskar eine Runde aufs Eis gelegt hat. Sie und seine Tochter – sie skaten in einer Gruppe, sie scheinen Freundinnen zu sein! Walter befürchtet, sie könnten ihn sehen, also zieht er sich die Haube tiefer ins Gesicht und schließt den Mantel über seinem Kinn.Er starrt ihnen hinterher, beobachtet die Regungen in Lauras Gesicht, versucht zu erkennen, ob sie glücklich ist, oder ob ihr etwas fehlt, ihr Vater zum Beispiel. Warum ist sie in Wien? Sind sie aus Linz hierher gezogen? Oder ist sie bloß auf Wienwoche? Woher kennt sie das andere Mädchen? Kann das noch ein Zufall sein? Oder ist Laura überhaupt nur das Resultat eines Sonnenstichs und einer Sehschwäche?

„Ist sie es?“, fragt Renate und zeigt auf Walters Tochter.

Er schüttelt den Kopf und deutet auf die andere.

Renate nickt und sagt: “Ich rede mit ihr! Wir treffen uns dann bei der Bim-Station!“

Renate geht mit ihren Schlittschuhen aufs Eis und nähert sich der Gruppe von Mädchen. Walter, Rudi und sie haben vorher genau besprochen, was sie sagen soll, falls sie sie treffen, sie ist also vorbereitet. Walter beobachtet, wie Renate das Mädchen anspricht und an den Banden zur Seite nimmt. Die übrige Gruppe sieht neugierig hin, aber zieht weiter ihre Runden. Renate und das Mädchen sprechen fünf Minuten miteinander, dann ist das Tête-à-tête vorüber und die zwei trennen sich wieder.

Walter reißt sich vom Anblick seiner Tochter los und marschiert zur Straßenbahnstation. Ein paar Minuten später taucht auch Renate dort auf.

„Und?“, fragt Walter.

Renate erzählt: „Erst hat sie alles abgestritten. Sie geht nicht mit Männern eislaufen, sie kennt keinen Oskar, eine Marie ist ihr auch nicht bekannt. Aber dann habe ich Disney erwähnt, und was mit ihm geschehen ist. Das hat sie erschrocken. Als ich sie gefragt habe, ob sie ihn kennt, hat sie es abgestritten, sie sagte, sie kenne überhaupt nur seinen Blog! Mehr war nicht rauszuholen aus ihr. Hast du gewusst, dass er einen Blog hatte?“ Walter schüttelt den Kopf.

Am Abend sitzen sie vor dem Computer und studieren Disneys Wordpress-Seite. Jede seiner Arbeiten findet sich dort genauestens dokumentiert, inklusive Ort und Zeitpunkt der Herstellung. Seine größte Arbeit ist mit mehreren Fotos archiviert: eine komplette Wand, die eine Straßenszene zeigt. Sie ist wie das räudig-surreale Gegenstück zu den Visualisierungen zur „Mariahilfer Straße“ neu, eine Einkaufsstraße bevölkert von Sandlern, Comicfiguren, Tier/Mensch-Hybriden und Freakshow-Charakteren. Unter den Fotos steht: „Auftragsarbeit; Acrylfarbe auf Tapete; Wohnung in Mariahilf“. Auf einem der Fotos ist der Ausschnitt eines Fensters zu sehen. Durch die Scheiben sieht man etwas wie ein Werbebanner in der Ferne. Der Text darauf lautet: „Zerschmettert in Stücke im Frieden der Nacht“. Rudi, Walter und Renate sind sich einig, dass die Wohnung in der Gumpendorfer Straße sein muss, ganz in der Nähe des Apollo-Kinos. Sie beschließen, sich am nächsten Tag auf die Suche nach ihr zu machen.

Als letztes Ereignis des Tages erreicht Renate noch ein Anruf von einer Freundin, die in einem Krankenhaus in der Nähe der Baustelle arbeitet, wo Walter den vermummten Schläger verletzt hat. Im Vertrauen nennt sie ihr den Namen des Mannes, der sich in derselben Nacht die Verletzung am Fuß behandeln ließ. Am nächsten Tag würde es einiges zu tun geben.

Walter hat aber nicht vor zu warten. Als Rudi und Renate schlafen, macht er sich auf den Weg nach Mariahilf. In der Gumpendorfer Straße studiert er bei den Häusern mit Blick auf den Esterhazypark die Namen der Mieter an den Türklingeln. Als er den Nachnamen von Oskar entdeckt, den er von seinen Papieren her kennt, läutet er an. Niemand ist da. Walter tritt gegen einen Wagen, der neben dem Gehsteig geparkt ist, und die Alarmanlage des Autos geht los. Dann öffnet er die Tür des Hauses mit seinem Postschlüssel und fährt mit dem Lift in den obersten Stock. Hier im Dachgeschoss gibt es nur eine Wohnung. An der Tür: ein Spongebob-Sticker. Einigermaßen abgedeckt vom Lärm des Autos auf der Straße bricht Walter die Tür mit einem Brecheisen auf, das er aus Rudis Werkstatt mitnahm.

Er durchsucht die Wohnung: ein riesiges Doppelbett, ein Kasten mit sexy Outfits in kleinen Größen, eine Kommode mit allerlei Spielzeug, ein Kühlschrank mit Schampus und Alkopops, ein Aschenbecher mit Zigaretten- und Zigarrenstummeln. Walter denkt an seine Tochter Laura und will alles hier zertrümmern. Im Badezimmer entdeckt er winzige Blutspritzer unter der Spüle. Ist Disney hier gestorben?

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Kapitel 6

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