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Was bislang geschah

Disney, der beste Freund des obdachlosen Walter, wurde ermordet in einem Park gefunden - ein paar Wochen bevor die beiden ihre gemeinsame Wohnung beziehen und damit vielleicht einen Neustart schaffen konnten. Walter hat den Mann aufgetrieben, der ihn zuletzt gesehen hat: ein Beamter der Finanzabteilung der Stadt Wien, der Disney angeblich als Künstler gefördert hat.

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Kapitel 3

Die Kunst der Verfolgung

Der Mann, dem Walter auf den Fersen ist, trägt den selben Lodenmantel und Hut wie vor einigen Tagen auf der Mariahilfer Straße, als Disney noch wohlauf und Walters Leben aus heutiger Perspektive betrachtet verblüffend in Ordnung war ... Der Koffer hat die gleiche Farbe – er muss es sein. Walter folgt dem Mann über die Zweierlinie hinüber und am Rathaus vorbei. Beim Eislaufplatz muss er näher aufschließen, um ihn in den Massen nicht zu verlieren. Der Mann pflügt sich seinen Weg bis zum Schlittschuhverleih. Dort trifft er ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen, die Tochter? Walter kann es nicht fassen: Das Ziel seiner Observation, der potentielle Killer seines Freundes will eine Runde Eislaufen.

Der Mann holt sich ein Paar Schlittschuhe, tauscht sie gegen seine Straßenschuhe und gibt diese zusammen mit dem Koffer ab. Walter dämmert: Das ist eine Gelegenheit, die nicht wieder kommt – er muss einen Blick in den Koffer werfen. Als sich der große Unbekannte auf seinen Leihkufen mit dem Mädchen beim Eingang zur Eisbahn anstellt, ist Walter direkt hinter ihm, und in dem Moment als die große Eisfläche nach der Wartung geöffnet wird, ruckartig Bewegung in die Menge kommt und der Radio Wien DJ mit „Millenium“ von Robbie Williams loslegt, genau da gleiten Walters kalte Finger in die Manteltasche des Mannes und fischen den Abholbon des Schlittschuhverleihs heraus.

Als er sich dann zurückfallen und die hinter ihm stehenden nachdrängen lässt, klopft sein Herz wie nach einem Berglauf, Schwindel packt ihn und der Wunsch nach einem Bier schiebt sich vor seinen Verstand wie eine Werbewand. Er lässt den Verleih vorerst links liegen und sucht einen Bierstand. Als er die Preise sieht, entweicht ihm ein „Servas ...“ und er kommt zur Besinnung. Er trabt in Richtung des Schlittschuhverleihs und stellt sich am anderen Ende an als der Mann zuvor. Walter weiß, dass er nicht aussieht wie ein Penner, er ist rasiert, seine Kleidung soweit sauber, aber manche sehen es einem trotzdem an, man verrät sich mit seinem Blick und seiner Stimme, die Straße stempelt einen. Aber jetzt geht es gut, das Mädchen am Schalter will nur abfertigen, und als Walter sagt, er hat seine Handschuhe in seinem Koffer vergessen, und ihr den Schein rüberschiebt, holt sie – genervt aber zügig – die rote Tasche und händigt sie ihm aus. Er rückt zur Seite, wo er Ruhe hat, lässt die Verschlüsse mit zittrigen Fingern aufschnappen und öffnet den Koffer. Auf einem Haufen Unterlagen liegt ein Plastiksack, und er sieht so aus, als befänden sich tatsächlich Handschuhe darin. Walter faltet ihn auf und blickt hinein: Da ist ein Schal. Kein ganz alltäglicher allerdings, es ist ein Spongebob-Schal. Disneys.

Als der Mann nach einer dreiviertel Stunde Eislaufen seine Schuhe zurückverlangt – wieder bei jemand anderem – bemerkt er, dass sein Zettel fehlt, aber er bekommt seine Sachen mit seinem Ausweis wieder. Als er Richtung Ring geht, inzwischen ohne das Mädchen, merkt er nicht, dass ihm ein betrunkener, zorniger Mann folgt. Walter hat nun zwei Bier intus, die er sich trotz der horrenden Preise kaufen musste und in wenigen Schlücken zu sich nahm, denn dieser Mann hat Disneys Schal in der Tasche, und Walter glaubt, er hat seinen Freund auf dem Gewissen. Am Ring steigt der Mann in die Bim, am Donaukanal ist die Fahrt schon wieder zu Ende. Walter folgt ihm bis zur Salztorbrücke. Dort sieht er vom Ufer aus, wie der Mann seinen Koffer öffnet, den Schal zu einem festen Klumpen verknotet und ins Wasser wirft. Das Beweisstück, es ist dahin. Vieh, blödes, schimpft sich Walter, denn jetzt wird ihm aber auch keiner glauben.

Der Mann dreht auf der Brücke um und spaziert in den ersten Bezirk hinein. Nach zehn Minuten Fußmarsch verschwindet er in einer kleinen Galerie. Walter wartet auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Als er nach fünfzehn Minuten immer noch nicht wieder herauskommt, überquert Walter die Straße und wirft einen Blick in das Schaufenster. Er sieht den Koffermann und einen Mann im Anzug, die vor vier A3-großen Bildern stehen und sich zu beratschlagen scheinen. Schließlich beginnt der Galerist, die Bilder abzuhängen. Walter hat keinen Schimmer von Kunst, aber die Bilder dort drinnen, die hat er schon gesehen. Es sind Zeichnungen von Sandlern mit Bambiaugen, gemalt auf ausgebleichten AUGUSTIN-Doppelseiten.

Als der Finanzbeamte wieder aus der Galerie kommt, nimmt ihn Walter um die Taille und sagt: „Mach keinen Blödsinn, du hast ein Messer an den Rippen!“ Der andere protestiert zwar, lässt sich aber von Walter ohne großen Widerstand in die nächste Seitengasse führen, wo der Eingang zu einem winzigen Park mit Hundezone liegt. Walter drängt ihn vorwärts und bugsiert ihn zu einer Parkbank außerhalb des Laternenlichts. Dennoch sieht der Mann nun Walters „Waffe“, ein altes Schweizermesser, vom Brotschneiden stumpf geworden.

„Das sind Disneys Bilder da drinnen!“, faucht Walter. „Woher hast du die, und was ist mit dem Schal?! Hast du den Disney umbracht?“

Der Mann nimmt seinen Hut ab und lächelt Walter seltsamerweise ganz freudvoll an. Er hat ein Jungengesicht mit dünnem hellblonden Haar, ist aber mindestens 50. „Sie müssen der Walter sein. Christoph hat von Ihnen geredet!“ Und dann erzählt er seine Geschichte: Wie er Disney beim Würstelstand kennengelernt hat. Wie er von seinen Zeichnungen begeistert war. Zuerst bot er ihm an, eine Wand in seiner Wohnung zu bemalen, dann verhalf er ihm dazu, ein paar Bilder auszustellen. Eine Freundschaft entstand.

„Und wieso hat er mir von nix erzählt?“, fragt Walter.

„Weil mir eine kleine Garconniere gehört, wo er hätte einziehen können – dann wäre euer Arrangement mit der gemeinsamen Wohnung hinfällig gewesen“, erklärt der Mann und sieht Walter mitleidsvoll an. „Komm“, sagt er freundlich und legt Walter eine Hand auf die Schulter, „ich lad dich auf ein Steak ein, wir trinken einen guten Wein und reden über alles.“

„Was hast du da eigentlich von der Brücke geworfen?“, fragt Walter. Der andere lächelt: „Ein schlechtes Weckerl, nur ein altes, schlechtes Weckerl. Komm, gehen wir Steak essen!“

Walter denkt nach: Wenn er mit ihm mitgeht, erfährt er vielleicht mehr darüber, was wirklich passiert ist. Aber er bringt sich auch in Gefahr - nicht zuletzt deswegen, weil er zwar den Schal im Koffer gelassen, die Unterlagen aber eingesteckt hat.

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Kapitel 3

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