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Was bislang geschah

Walter ist seit drei Jahren obdachlos. Der ehmalige Angestellte einer Securityfirma hat durch ein Nervenleiden Familie und Job verloren und lässt sich seitdem durch die Straßen Wiens treiben. Ausgerechnet als er die Chance auf eine Wohnung gemeinsam mit seinem besten Freund, dem gescheiterten Künstler "Disney" bekommt, wird dieser erschlagen im Esterhazypark gefunden. Walter muss nüchtern werden und sich auf die Suche nach den Mördern machen.

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Kapitel 2

Bambiaugen

Man erzählt Walter, sie bringen Disney zum Flughafen. Ein Flug im Laderaum nach München, dann weiter mit dem Auto. Disney hatte bestimmt davon geträumt, einmal in einer großen schwarzen Limousine in sein Dorf zurückzukehren, aber so? Wenn sie den Sarg in seinem Heimatdorf öffnen, da werden sie schauen: Verändert hat er sich in Wien, vor allem natürlich in der Nacht, als er mit dem Baseballschläger bearbeitet wurde. Er wird es hassen auf dem Dorffriedhof, denkt sich Walter, Provinzmief bis in alle Zeiten.

In Wien findet am Abend eine Messe in der Mariahilfer Kirche statt. Eine kleine Prozession von Kaputten und Gestrandeten zieht Richtung Altar. Verbände, Hinkefüße, zerknitterte Gesichter – aber heute alle besser dran als Disney in seiner Kiste. Walter zündet eine Kerze für seinen Freund an. Der Pfarrer sagt „Didi“ statt „Disney“. Eine Flasche Rum macht versteckt unter den Bänken die Runde. Ein paar Jungs vom Gesangsverein der Obdachlosenzeitung singen schaurig-traurig zwei Wiener Lieder.

Nachher gehen ein Dutzend Leute, die Disney gekannt haben, gemeinsam in den Park, wo er gefunden wurde. „Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)“ steht in riesigen Buchstaben auf dem Flakturm. Walter fragt sich, ob die Polizisten das ins Protokoll aufnahmen, eine Art größenwahnsinniges anonymes Bekennerschreiben ... Die Männer trinken Pittinger-Dosenbier und stellen Mutmaßungen an: Vielleicht war er ein Spitzel, ein Botenbursche für Gürtel-Gangster! Oder er hat was gesehen, das er nicht hätt sehen sollen. Vielleicht ging es auch um Drogen. Oder er hat nur Pech gehabt. „Jetzt seid’s dann durch, oder?“ fragt Walter in die Runde. „Vielleicht ist er auch beim Nordic Walking mit dem Gesicht auf den Stock gefallen“, sagt er, und die Runde sagt nix mehr. Walter braucht eine Spur, keine Spekulationen.

Er ist als erster in der Gruft und legt sich nieder. Verstopft sich die Ohren, legt sich ein frisches Tuch über das Gesicht. Er denkt nach. Irgendwann schläft er ein und träumt von Bambi. Seit Disney verschwunden ist, träumt er in Zeichentrick. Als er in der Nacht inmitten eines höllischen Schnarchorchesters erwacht, hat er die Idee. Er macht einen Knoten in sein Gesichtshandtuch, damit er sie nicht vergisst!

Am nächsten Vormittag steht Walter vor der „Angewandten“, der Kunst-Uni am Ring. In der Hand hält er eine Zeichnung, die Disney von seiner Ex-Freundin machte. Er hatte sie im Tagesraum der Gruft aufgehängt! Er vergleicht das Bild mit den Gesichtern der Studentinnen, die hier rein und raus gehen, versucht sich all diese Mädchen mit Bambi-Augen vorzustellen. Nach einer Stunde muss er sich eingestehen, es ist unmöglich. Er beginnt, Leute nach ihr zu fragen: „Kennst du die? ... Ich weiß, stell dir die Augen normal groß vor! ... Aus Bayern is sie.“ Einer überlegt. „Könnt die Katrin sein. Komm mit!“ Sie marschieren durch die Gänge der Universität. In einer Art Patio spielt ein DJ Musik, Studenten bereiten eine Präsentation vor. Walter erkennt sie, als sie vor ihm steht. Sie hat tatsächlich Bambi-Augen.

„Ich hab ihn das letzte Mal vor drei Wochen gesehen“, sagt sie, als sie mit Walter in einem leeren Atelier spricht, ihre Seelenteiche im Gesicht nun geflutet. „Er hat mir erzählt, dass er im ersten Bezirk eine ganze Zimmerwand bemalen soll, ein richtiger Auftrag!“ Walter wird hellhörig. „Hat er gesagt, wer der Auftraggeber ist?“ Katrin schüttelt den Kopf. „Er hat nur gemeint, er arbeitet in einer hohen Stelle bei einer Magistratsabteilung!“ – „Hat er gesagt, in welcher?“ – Das Mädchen schüttelt bedauernd den Kopf. Aber jetzt erinnert sich Walter: Das Handzeichen, das ihm Disney gegeben hat, bevor er verschwunden ist: ein „V“. Das wäre dann also die MA 5. Walter bittet Katrin, auf ihrem Smartphone nachzusehen, welche Abteilung das ist. Nach ein paar Klick sagt sie „Finanzen“. Disney hat also beim Geld angedockt ... Ein Hochgefühl kommt in Walter auf: Er hat kombiniert.

Die Zentrale ist hinter dem Rathaus, nur ein paar Stationen mit der Bim. Walter erzählt dem Mädchen, dass er den Mann gesehen hat, bevor Disney gestorben ist. „Willst du ihn mir beschreiben, vielleicht kann ich ihn zeichnen!“, schlägt Katrin vor. „Es war dunkel!“, sagt Walter, aber die Wahrheit ist: Er war besoffen von Orangenlikör, in seiner Erinnerung sieht der Mann aus wie der Anonym von der Merkurwerbung. Eine Schande, denkt er, er ist ein wertloser Zeuge. Aber an den roten Aktenkoffer kann er sich erinnern. Viele gibt es davon sicher nicht.

Am späten Nachmittag steht er in der Nähe des Eingang der Finanzabteilung der Stadt Wien und beobachtet das Kommen und Gehen. Um Punkt vier tritt Rotköfferchen aus dem Tor, und wie in diesem Nazifilm wird die Welt schwarzweiß und der rote Koffer leuchtet für Walter aus dem Alltag heraus, als er die Verfolgung aufnimmt.

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Kapitel 2

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