Kapitel 1

Böses Erwachen 

Walter Bischoff öffnet die Augen. Über seinem Gesicht liegt ein frisch gewaschenes Handtuch. Der beste Geruch der Welt. Ist er in einem Spa? Er hebt das Handtuch, das er sich zum Schlafen übergeworfen hat. Jetzt sickert das Parfum der Gosse in seine Nase, der unverkennbare Mix aus Schweiß, Alkohol, alten Socken und Danchlor in einer Notschlafstelle. Walter wirft sein mürbes Hirn an: Wieder in der Gruft also. Warum am Vortag der sinnlose Rausch? Warum heute diese Beunruhigung? Seine Gedanken wandern zu Christoph, seinem Kumpel, mit dem er gestern unterwegs war und nächsten Monat eine eigene Wohnung bezieht. Christoph, den alle „Disney“ nennen, weil er zeichnen kann – und alle seine Gesichter so aussehen wie bei Arielle oder Aladdin. Was war mit ihm, noch fällt es Walter nicht ein.

Das Licht im Schlafsaal der Gruft flackert grell, die Männer rappeln sich hoch, angezogen von der Aussicht auf Kaffee und Zimtschnecken. Ein paar machen noch ihre Wäsche, im Bad werden Witze gerissen. Walter packt seine Sachen zusammen, alles rein in den Army-Seesack, von Disney mit einem tanzenden Affen mit Bischofshut und Stab bemalt, natürlich als Hommage an Walters Nachnamen.

Er stellt sich um sein Frühstück an. In der Schlange ist er heute einer der jüngeren, Mitte vierzig. Er ist rasiert, seine Sachen ziemlich sauber, seine Haare kurz. Mit seiner Armeetasche und der Multifunktionsjacke sieht er aus wie ein „Embedded Journalist“, der nur aus dem Krisengebiet berichtet, und eine Zeit lang hat er sich auch so gesehen. Aber inzwischen weiß er, dass er nicht anders ist als die Leute um ihn herum. Auch seine Story nicht spannender oder bedeutungsvoller als andere: leitender Angestellter einer Security-Firma in Linz, 9 Leute unter sich. Verheiratet, zwei Töchter, Reihenhaushälfte. Dann plötzlich gesundheitliche Probleme: Migräne, Schlaflosigkeit, Halluzinationen. Der Arzt weiß nicht weiter, der Wirt schon. Also Alkohol und alle Tabletten, die er kriegen kann. Depressionen, Job weg, Frau weg, Kinder nimmt sie mit. „Es stimmte schon längst nicht mehr!“, hört er von ihr, dann ist ja gut. Er weiß gar nicht mehr, wie er nach Wien kam, was er sich davon versprach. Eigentlich absurd, aber auf der Straße wurden seine Symptome besser. Und jetzt die Chance auf eine Wohnung, einen Neuanfang. 

Nach den ersten Bissen und dem ersten Schluck Kaffee, kehrt die Erinnerung an den Vortag wieder. Sie saßen zusammen in einem Hauseingang auf der Mariahilfer Straße. Manfred, ein Bekannter von ihnen, dessen Häfn-Tattoos am Hals von der Sonne auf der Donauinsel fast völlig ausgebleicht waren, hatte Geburtstag, und gemeinsam mit Disney und zwei Kerlen, die Walter nicht kannte, stießen sie mit Grand Manier an, jenem Orangenlikör, von dem der Musiker Richard Manuel von „The Band“ acht Flaschen am Tag getrunken hatte, das wusste Walter als Musik-Fan, der er war (bevor seine „Zustände“ begannen), nicht als Alkohol-Fan.

Es war kalt, aber die Stimmung war gut, und Disney mit seinen abstehenden Ohren und der Pudelhaube zappelte herum und spielte die Szenen einer Folge Spongebob nach, die er auf einer langen U-Bahn-Fahrt auf dem Handy eines Mädchens mitangesehen hatte.

Disney war mit seiner Freundin aus einem Dorf in Bayern nach Wien gekommen, um Kunst zu studieren. Seine Freundin wurde an der Schule aufgenommen, er jedoch nicht. Als sie sich ein paar Monate darauf von ihm trennte, klinkte er aus. Nach Hause zurück kam nicht in Frage. Also richtete er es sich hinter den Kulissen von Wien ein. Hier war er wie ein Kind, das am Gehsteig spielte und von niemandem zum Abendessen reingerufen wurde. Dann traf er Walter, und der gab ein bisschen auf den Jungen Acht.

Als es auf der Mariahilfer Straße zu dämmern begann und die Gruppe schon beratschlagte, wo sie es wärmer haben könnte, tauchte plötzlich dieser Mann auf. Er war groß, trug einen dunklen Lodenmantel, einen breiten Hut und einen bordeauxroten Aktenkoffer. Er sah aus wie ein Anwalt oder hoher Beamter aus dem Rathaus. Er blieb vor dem Hauseingang stehen und rief Disneys Namen. Seinen richtigen, Christoph. Disney sah seltsam betroffen drein und ging dem Mann ein paar Schritte entgegen. Bevor er bei ihm war, drehte er sich um und schien Walter ein Zeichen geben zu wollen, er machte mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand ein „V“, das er gegen den Handteller der linken drückte. Dann drehte er sich wieder zu dem Unbekannten um, sie begrüßten sich und gingen zusammen die Mariahilfer Straße hinunter Richtung Ring. Walter und die anderen Männer warteten eine Stunde, aber Disney kam nicht wieder. Als einer von ihnen eine Anspielung machte, der Junge wäre mit dem Anwalt auf ein Nümmerchen nach Hause gegangen, platzte Walter der Kragen und er setzte sich von den Wapplern ab und schnorrte sich bei einem Würstelstand ein paar Bier.

Walters Wut ist verraucht, aber nun hat er Angst um seinen Freund. Noch nie ist er einfach so verschwunden. Sie freuen sich doch auf ihre Wohnung in Stammersdorf, jetzt nur keine Dummheiten mehr. Die Zimmer haben sie schon aufgeteilt. Für die Wohnküche wollen sie eine Stereoanlage, Lavalampe haben sie schon. Mit Frauenbesuch ist vorerst nicht zu rechnen, aber Wohnungsbesitzern kann alles passieren.

Als er das Frühstück beendet hat, macht er sich auf die Suche nach Disney. Er klappert die anderen Notschlafstellen ab und besucht die Orte, wo sie sich sonst treffen. Die Zuteilungsstelle für die Schlafquartiere, die Streetworker, die sie betreuen, die Ausgabestelle der Obdachlosenzeitung. Nichts. Keiner hat ihn gesehen, er hat keine Nachricht hinterlassen.

Zwei Tage vergehen. Walter besteht darauf, die Polizei zu verständigen, aber die sehen keinen Handlungsbedarf. Der Junge könnte genauso schnell wieder auftauchen, wie er verschwunden ist.

Am Morgen von Tag 3 erwacht Walter, weil ihm jemand das Handtuch vom Gesicht zieht. Pauli, einer der ehrenamtlichen Helfer in der Gruft, steht mit ernster Miene über ihm.

„Du, steh auf. Sie haben Disney gefunden.“

Sie erzählen Walter, dass er in einem Gebüsch im Esterhazypark lag. Zwei Punks stolperten über ihn, zehn Meter vom Flakturm entfernt („IN THE STILL OF THE NIGHT“). Man hatte sein Gesicht zu Brei geschlagen. Wahrscheinliche Todesursache: Ein Treffer am Hinterkopf mit einer stumpfen Waffe. Vielleicht ein Baseballschläger.

Sie schicken eine Psychotherapeutin zu Walter. Es ist wichtig, jetzt wen zum Reden zu haben. Er kann aber gar nicht reden. Er starrt nur auf den tanzenden Affen auf seinem Seesack. Die Psychologin ist lieb, er kennt sie seit über einem Jahr. Heute weiß sie nicht recht weiter. Walter sagt: „Begleitest mich zur Polizei?“

Dort gibt er zu Protokoll, was er weiß. Viel ist es nicht. Und im Großen und Ganzen zeigt sich auch wieder: Es interessiert die gar nicht so besonders.

Aber Walter, ihn interessiert es. Vor langer Zeit war er mal ein Wachhund. Kein Affe. Der muss er wieder werden. 

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